Anonyme Bestattung – wirklich eine gute Wahl?

Was modern ist, muss nicht gut sein. Ein Plädoyer gegen das namenlose Verscharrtwerden.

Anonyme Bestattung – wirklich eine gute Wahl?

Die Anzahl der anonymen Beisetzungen nimmt zu – im Osten mehr als im Westen, im Süden weniger als im Norden. Die langfristigen Konsequenzen sind noch gar nicht absehbar. Dabei gibt es längst Alternativen.

„Ich will meine Angehörigen nicht zur Last fallen!“

Wie oft hört ein Bestatter diesen Satz! Gerade die Generation, die den Krieg als Kind miterlebt hat und nun die letzten Jahre eines erfüllten und entbehrungsreichen Lebens vor sich hat, sagt ihn häufig. Unter „Last“ verstehen sie dabei die Pflege des Grabes: Das Bepflanzen, das Laubharken, das Abdecken im Winter, die regelmäßige Umgestaltung, vom Gießen im Sommer ganz zu schweigen. Das ist „zuviel“, das will „keiner machen.“ Und bevor es „keiner macht“ – vielleicht weil die Angehörigen weit verstreut über den Planeten leben, soll es lieber gar nichts geben, was „gemacht“ werden muss: Die anonyme Bestattung erscheint als Alternative – und „günstig“ ist sie obendrein zu haben, jedenfalls günstiger als die durchschnittlichen 5.000 €, die laut Branchenauskunft und herrschender Meinung heutzutage für eine „würdige Bestattung“ angelegt werden muss.

Anonyme Bestattung: Woher es kommt

Die Bestatterbranche und die Friedhofsträger klagen aus verständlichen Gründen über diese „Entsorgungsmentalität“, die mit dem Trend zur anonymen Bestattung zum Ausdruck kommt, doch: Ganz unschuldig sind die Herren und Damen dieses diskreten Gewerbes nicht daran. Es waren die teilweise rigiden Gestaltungsvorschriften auf den kommunalen Friedhöfen, die den Menschen jede Möglichkeit des individuellen Ausdrucks ihrer Trauer und des Andenkens an die Verstorbenen nahmen. Da war nichts erlaubt, was die steinerne Monotonie auf den Friedhöfen hätte unterbrechen können. Mit dem Ergebnis: Gleichgroße und gleichbeschriftete Steine kommen nebeneinander zu stehen, einer sieht aus wie der andere, und alles, was Angehörige „darüber hinaus“ auf dem Grab abgestellt hatten – Kerzen, kleine Engel, künstliche Blumen, ein Abbild des Toten – wurde konsequent abgeräumt, da „mit der Würde des Ortes unvereinbar“.
Und auch bei vielen Anfragen von Angehörigen, eigene Gestaltungsideen bei den Trauerfeiern einzubringen, hieß es nur zu oft: „Geht nicht!“

Anonyme Bestattung: Die Konsequenz

Wer will sich das schon gefallen lassen? So kam es zu der im Grunde naheliegenden Überlegung, dann gleich auf alles zu verzichten – die anonyme Grablegung war erfunden. Und sie nahm – sozusagen als stumme Protestbewegung - ihren Siegeszug auf. Gerade für Alleinstehende ohne Anhang hat sie ja auch ihre unbestreitbaren Vorteile.

Anonyme Bestattung: Die Trauer braucht einen Ort

Denn durch ein namenloses Grab auf einem großen Rasenstück ist den Angehörigen und Freunden etwas genommen, was sie für die Bewältigung ihrer Trauerarbeit dringend brauchen: Einen klar definierten Ort, den sie aufsuchen und an dem sie verweilen können. Diese Möglichkeit nimmt ihnen, wer für sich ein anonymes Verscharrtwerden bestimmt. Warum muss die Pflege des Grabes eine Last sein? Darauf verzichten zu müssen kann viel belastender sein! Die Grabpflege ist eine ganz wichtige Aufgabe für die eigene Trauerbewältigung. Trauerforscher bestätigen diese Beobachtung: Die Grabpflege gehört unbedingt zum Abschiednehmen dazu. Sie hilft, den Weg zurück ins Leben zu finden.

Anonyme Bestattung: Die Alternativen

Durch das gewandelte Bewusstsein in der Gesellschaft, das sich auch auf die Beschäftigung mit den letzten Dingen erstreckt, hat sich im letzten Jahrzehnt eine Fülle neuer und nicht mehr ganz so neuer Möglichkeiten entwickelt, beides zu erreichen: einen würdigen Ort für die Trauer der Angehörigen und eine pflegearme Grabstätte mit einer namentlichen Bezeichnung zu schaffen. Man kann sich „halbanonym“ auf einem Rasenfeld beisetzen lassen, und der Name ist auf einer danebenstehenden Gedenktafel verewigt. Man kann auch ein Grab auf einem Rasenstück wählen, auf dem Besucher lediglich Blumen ablegen können, dafür aber an einem Stein mit dem Namen des Verstorbenen.

Anonyme Bestattung: Gegen die Wegwerf- und Entsorgungsmentalität

Der Mensch ist kein Müll. Er verdient mehr, als bloß kostengünstig entsorgt zu werden. Er sei stets so viel wert, dass sein Name auf einem Stein wenigstens für die folgenden Jahrzehnte überdauere. Das gilt ganz unabhängig von seiner Herkunft, seiner Verdienste. Sensible Bestatter können beim Beratungsgespräch sehr leicht herausbekommen, aus welchen Gründen jemand die anonyme Bestattungsart wählen möchte und kann bessere Vorschläge machen. Und die müssen nicht einmal unbedingt mehr kosten …

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