Im Dilemma: Altersvorsorge geht weiter zurück

Im Dilemma: Altersvorsorge geht weiter zurück

Der deutsche Altersvorsorgeanleger befindet sich in der Zwickmühle: einen "signifikanten Rückgang" der privaten Altersvorsorge stellt die Postbank in ihrer jüngst veröffentlichten jährlichen Studie fest. Und das nicht etwa, weil die Renten wieder als sicher gelten oder die Kapitalmärkte Traumrenditen abwerfen, die einen geringeren monatlichen Vorsorgeaufwand rechtfertigen würden.

Die Finanzkrise ist vielleicht nicht mehr in aller Munde, aber dafür noch sehr präsent in den Köpfen der Menschen - und hier offenbar allein als Risiko verbucht. Dies wird offensichtlich zum Anlass genommen, ein eher schwaches Durchschnittsvorsorgeniveau noch weiter abzusenken. Während durchschnittliche Privatvorsorger 2007 noch 202 Euro monatlich zurücklegten, begnügen sie sich neuerdings mit monatlichen 188 Euro.

52 Prozent der Deutschen geben dabei an, ihre Vorsorge nicht ausbauen zu wollen, während sie diese aber gleichzeitig als nicht ausreichend identifizieren. Lediglich bei den jungen Berufstätigen gibt es leichte Anstiege der Vorsorgebereitschaft.

Einen neuen Rekordwert verzeichnet dabei das Eigenheim als gefühlt geeignete Vorsorge, während eine Mehrheit angibt, in der Kapitalanlage bisher weder Inflation, noch gestiegene Lebenserwartung berücksichtigt zu haben. So haben die eigenen vier Wände Konjunktur. Doch auch das Eigenheim schwankt in seinem Wert je nach Lage und Ausstattung - und muss nicht zuletzt ja auch im Alter bewirtschaftet werden (wenn nicht auch im Rentenalter noch einmal renoviert und saniert). Kurz gesagt: jeder Eigenheimbesitzer benötigt im Alter auch ein gewisses Kapital.

Man steht etwas ratlos vor den Ergebnissen der Studie, denn Fakt ist, dass die Deutschen im Bewusstsein einer nicht ausreichenden Vorsorgesituation ihre Anstrengungen sogar noch reduzieren.

Die Postbank hält vor diesen Hintergründen denn auch eine Pflicht zur privaten Altersvorsorge und Aufklärungsanstrengungen von staatlicher Seite für "angezeigt", um zu einer Lösung zu kommen.

Sicherlich sind aber im Hintergrund auch systematische Ursachen zu beachten:

  • Die vielfach reformierte gesetzliche Rente ist keineswegs gegen Konjunkturschwankungen immun. Bei den bekannten Defiziten des Umlagesystems sinken durch erhöhte Arbeitslosigkeit die Einnahmen postwendend. Gleichzeitig widersprechen politische Geschenke wie Rentengarantien den einstigen Reformgedanken.
  • Für viele Anleger ist das deutsche Vorsorgesystem äußerst komplex. Bei der Basis- oder Rüruprente gibt es "nur" Steuerersparnisse und später keine Kapitalwahl, bei der Riesterrente gibt es Zulagen und Steuerersparnisse, doch nicht jeder darf riestern, aber dafür später einen Teil des Kapitals auf einmal entnehmen und kann zudem Wohneigentum fördern lassen. Die betriebliche Altersvorsorge sieht in vielen Berechnungen als das am besten geeignete Instrument aus, bis ein Arbeitsplatzwechsel zu Problemen führt - und in der privaten Vorsorge gibt es keine Förderung, aber dafür volle Flexibilität, zumindest im Alter. Gleichzeitig schwirren Begriffe wie die Abgeltungsteuer durch den Raum und machen die Verwirrung komplett.

Für gut ausgebildete Berater ist dieser Dschungel zwar in der Regel gut zu durchblicken, aber der Beratungsalltag zeigt: vieles wird nicht bis ins letzte Detail erklärt und bleibt im Unklaren. Vielleicht ist die in den Koaltionsverhandlungen von Union und FDP aufgeworfene Frage nach "Riestern für Selbständige" ein erster Ansatz, das System zu vereinfachen. Riester- und Rüruprente könnten so unter gleichen Bedingungen zusammengelegt werden. Der nächste Schritt wäre dann eine Zertifizierung der betrieblichen Altersvorsorge, wie man sie von Riester-Verträgen kennt. Die Idee: wo der "Stempel" drauf ist muss ein Arbeitgeber im Rahmen der Entgeldumwandlung zustimmen. Der erhoffte Effekt: durch die Zertifizierung kann die - durchaus lukrative - betriebliche Altersvorsorge den Arbeitnehmer ein Leben lang begleiten und muss nicht (und vor allem nicht auf seine Kosten) immer wieder umgewandelt werden.

Natürlich sind auch die Beraterinnen und Berater gefragt. Das Fachmagazin Capital stellte in einer Untersuchung 2008 fest, dass viele "Experten" von den Folgen der Inflation für die Altersvorsorge beinahe überwältigt worden sind. Doch müssen gerade Langlebigkeit und Inflation im Kern einer jeden Beratung stehen. Auf dieser Basis muss mit dem Anleger das Für und Wider einer jeden Anlageform hinsichtlich Förderung und Flexibilität erörtert werden. Und dabei darf man von seinem Experten natürlich auch erwarten, dass eine Übersicht über alle Fördermöglichkeiten erstellt wird - auch unter Berücksichtigung der mittelbaren Riesterförderung für Ärzte, Architekten und Rechtsanwälte, die als Einzahler in Versorgungswerke nicht unmittelbar berechtigt sind - wohl aber über ihre förderberechtigten Ehepartner, solange diese einen eigenen Riestervertrag haben.

Doch bei aller wünschenwerter Vereinfachung der Vorsorgesysteme und gesetzgeberischer Anstrengungen - ob nun durch mehr Aufklärung oder eine Vorsorgepflicht - muss am Ende jeder selber seine Verantwortung wahrnehmen. Wir bei PuroVivo.de wollen wenigstens dabei helfen, dass unsere User mehr über die verschiedenen Möglichkeiten erfahren. Dies soll in den nächsten Monaten an dieser Stelle geschehen.

Dieser Artikel wurde von unserem PuroVivo.de Finanzexperten Henning Schmidt von dem finanzstrategischen Beratungshaus ad rem private finance GmbH & Co. KG verfasst.